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Mit unseren Augen durch den Winter

Das Wort „Winter“ lässt in unseren Breiten in den Menschenköpfen ein Bild von kahlen Bäumen und Sträuchern, Frost, Schnee, kurzen Tagen und langen Nächten entstehen. Was aber bedeutet „Winter“ für uns Tiere und Pflanzen?

Trotz steigender mittlerer Jahrestemperaturen und verschobener Niederschlagsmengen wird die Nahrung knapp und bleiben die natürlichen Tageslängen unverändert. Diese sind im Winter kürzer als im Sommer.

Licht hat einen erheblichen Einfluss auf den Schlafrhythmus und auf das Stoffwechselgeschehen von Pflanzen, Menschen und uns Tieren.
Die Pflanzenfresser unter uns, die in freier Wildbahn leben, sind eng auf die Vegetationsverhältnisse abgestimmt. Nachdem im Winter kaum natürliche verwertbare Pflanzennahrung (Blattwerk, Kräuter) für uns zur Verfügung steht, durchlaufen wir eine „Notzeit“. Was also tun? SPAREN ist das Gebot der Stunde, und das tun wir, indem wir beim Energieverbrauch des täglichen Lebens sparen. Einige von uns halten einen Winterschlaf oder eine Winterruhe, wo der Energiebedarf ganz oder großteils durch jene Fettreserven gedeckt wird, die über den Sommer und Herbst eingelagert werden konnten. Die anderen unter uns Pflanzenfressern, die den Winter über wach bleiben und die bei geringem Nahrungsvorkommen einiges an Energie für Bewegung und Stoffwechsel brauchen, bedürfen  ausgedehnter, stressfreier Ruhephasen.

Mancherorts errichtet ihr Menschen zur Überbrückung der Nahrungsknappheit für Reh- und Rotwild Futterstellen als Notzeitkrücken. Ersatzfütterung ist gesetzlich streng geregelt und kann immer nur ein Plan B sein, weil die Vorlage geeigneten Basisfutters keine einfache Sache ist. Der Verdauungsapparat von Rot- und Rehwild durchläuft im Jahresverlauf einen beachtlichen Funktionsumbau und deshalb muss das Futter an die reduzierte winterliche Stoffwechselleistung sehr gut angepasst sein. Wir brauchen nur Ersatz für das, was uns durch eure menschliche Einflussnahme an Naturäsung nicht mehr verfügbar ist. Unsere Körperzellen – jede für sich ein Kraftwerk – laufen im Winter wegen Treibstoffmangels nur noch auf Sparflamme. Den Turbo zu zünden, weil Flucht angesagt ist, geht also gar nicht bzw. geht nur in Einzelfällen. Wir können unsere Energiespeicher im Winter nicht neu auffüllen, sondern wir müssen mit dem, was wir uns vor dem Winter „anfressen“ konnten, bis zur nächsten Vegetationsperiode im späten Frühjahr auskommen. Unser winterlicher Stundenplan sieht also neben Lebenserhaltung kein gesondertes Workout vor.

Wenn ihr euch zu jeder Tages- und Nachtzeit abseits von Wegen und aus allen Richtungen kommend durch die Landschaft bewegt, setzt ihr immer auch uns Wildtiere in Bewegung und das raubt uns wertvolle überlebensnotwendige Reserven.
Freude über Gämsen, die sich in der herrlichen Winterlandschaft aus der Nähe fotografieren lassen, ist völlig fehl am Platz: Es handelt sich um erschöpfte, fluchtunfähige Tiere.
Gamswild kann nämlich grundsätzlich auf keine Notzeitkrücke zurückgreifen.

Wir kommen ein Stück weit mit eurer Sehnsucht nach Bewegung in frischer Luft, wenn ihr eure Tretmühlen verlassen habt, klar, solange ihr unser Zuhause nicht rücksichtslos nach Belieben als Fitnessstudio benutzt, ohne unsere überlebensnotwendigen Bedürfnisse zu respektieren. Unberührte schneeglitzernde Flächen haben eine große Lockwirkung auf euch Menschen. Jedes Darüber hat jedoch auch ein Darunter und einige von uns Tieren lassen sich zwischendurch einschneien. Das Haar- bzw. Federkleid schützt vor zu starkem Wärmeverlust und so schmilzt der Schnee nicht, der uns bedeckt.  Wir sind also auch dann da, wenn ihr uns nicht sehen könnt. Außerdem befindet sich unter dem Schnee teilweise sehr empfindliche Vegetation und jedes Jahr gehen in unserem Zuhause unzählige kleine Bäumchen wegen Tritt- und Schnittschäden kaputt.
Wie ihr uns Tieren und Pflanzen das ganze Jahr über achtsam begegnen könnt, verraten wir euch im Wald-ABC.
Den Text "Mit unseren Augen durch den Winter" könnt ihr hier downloaden.